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Dossier: Spurenstoffe im Wasserkreislauf – Vierte Reinigungsstufe und Herstellerverantwortung in der Diskussion

Dossier: Spurenstoffe im Wasserkreislauf –  Vierte Reinigungsstufe und Herstellerverantwortung in der Diskussion
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04.11.2019 − 

Die Wasserwirtschaft warnt vor der zunehmenden Belastung der Gewässer durch Schadstoffe und insbesondere Spurenstoffe. Diese chemischen Substanzen, die in geringsten Konzentrationen vorkommen, stehen seit einigen Jahren im Interesse von Wissenschaft und Wasserwirtschaft, denn aufgrund der Fortschritte in der Analytik können Wissenschaftler heute geringste Stoffkonzentrationen in der Umwelt nachweisen. Spurenstoffe bzw. Mikroverunreinigungen gelangen durch den Gebrauch von Alltagsprodukten, aber auch durch Chemieunfälle und illegale Einleitungen in die Gewässer.

Viele Spurenstoffe gelangen mit dem Abwasser in die Kläranlagen. Die heute in Kläranlagen eingesetzten biologischen Aufbereitungsverfahren können zwar einige organische Spurenstoffe im Abwasser relativ gut beseitigen. Andere Substanzen dagegen, darunter auch Arzneimittel, werden nicht oder nur ungenügend entfernt. Daher werden bundesweit Verfahren der vierten Reinigungsstufe erprobt, die Spurenstoffe zum Beispiel durch Ozon oder Aktivkohle aus dem Abwasser entfernen.

Hier stellt sich unter anderem die Frage, ob die generelle Einführung einer vierten Reinigungsstufe in kommunalen Kläranlagen sinnvoll ist. In der Diskussion ist bei dem Thema aber auch, ob eine Stärkung des Verursacherprinzips dem Gewässerschutz dienlich wäre.

Dafür spricht sich der DVGW aus: Im Hinblick auf den Gewässerschutz sei dass das Verursacherprinzip konsequent anzuwenden und die Verantwortung der Hersteller über den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte zu verankern.

Eine im Auftrag des BDEW erstellte Studie der Hochschule Ruhr-West schlägt vor, die Hersteller über ein Fondsmodell an der Finanzierung entsprechender technischer Maßnahmen zu beteiligen, um die Einträge von Medikamenten in die Gewässer zu reduzieren.

Der Bundesrat spricht sich für mehr Gewässerschutz und die Verringerung von Arzneimitteleinträgen in Gewässer aus, was auf die Zustimmung des Verbandes kommunaler Unternehmen stößt. 

Ebenfalls mit Blick auf den Gewässerschutz will Hessen über den Bundesrat erreichen, dass der Einsatz von gelöstem und flüssigem Plastik in Waschmitteln und Kosmetika drastisch reduziert wird.

Auswirkungen von Pestizideinträgen in Gewässer als Folge starker Niederschläge sollen nach dem Willen der Grünen im Bundestag künftig mit zusätzlichen Studien im Rahmen von Zulassungsverfahren untersucht werden. Die Grünen sehen hier Mängel in den Pestizidzulassungsverfahren.

Die Grünen im Bundestag üben auch grundsätzliche Kritik an der Gewässerpolitik in Deutschland: Die Gewässer in Deutschland seien immer unterschiedlicheren Belastungen ausgesetzt – etwa durch Nitrat und Pestizide aus der industriellen Landwirtschaft oder Spurenstoffe wie Arzneimittelrückstände.

Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) rät, bei Antibiotikaeinträgen an der Quelle anzusetzen. Bereits der Eintrag von Antibiotika in die Umwelt und die Gewässer ist zu verringern, so das Beratergremium der Bundesregierung.

Bei flüssigen und festen Kunststoffzusätzen in Kosmetika und anderen Pflegeprodukten setzt die Länderkammer auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller. Diese Forderung nach dem Verursacherprinzip findet die Zustimmung des BDEW

Der Umweltverband BUND fordert im Hinblick auf die Einträge von Mikroplastik ein mit konkreten Zeitvorgaben versehenes Verbot.

Nach Ansicht von Dr. Josef Klinger, Geschäftsführer des TZW: DVGW-Technologiezentrums Wasser, ist das Gesundheitsrisiko von Mikroplastik über den Eintragspfad Trinkwasser hingegen vernachlässigbar. Mikroplastik werde bei der Wasseraufbereitung nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik entfernt, sagte Klinger im EUWID-Interview.

Ein juristisches Vorgehen gegen den Bau von Kunstrasenplätzen als Eintragsweg für Mikroplastik ist derzeit offenbar noch nicht möglich: Denn Mikroplastik, das durch Abrieb von Kunstrasen frei wird, stellt momentan noch keinen gesundheits- oder umweltschädlichen Stoff im Sinne der REACH-Verordnung der EU dar, heißt es in einem Beschluss des Verwaltungsgerichts Stuttgart.

Das Umweltbundesamt (UBA) hat sich dem Thema der Duftstoffe aus Wasch- und Reinigungsmitteln, die in die Kläranlagen gelangen, gewidmet. Sie sollten nach Auffassung des UBA systematisch recherchiert und dokumentiert werden.

Die Entfernung von Kunststoff einschließlich Mikroplastik aus Abwasser durch Kläranlagen mit biologischer Reinigungsstufe ist dem UBA zufolge sehr erfolg­reich - bei Mischwasserabschlägen und Abwasser aus der Trennkanalisation müsse die Behandlung aber verbessert werden.

Mikroplastik wir zunehmend in Gewässern nachgewiesen. In Bayern wurden nun vor allem sekundäre Mikroplastik-Partikel im Chiemsee, Starnberger See, Ammersee und Altmühlsee festgestellt.

Bei einem anderen möglichen Eintragspfad für Schadstoffe, den Unfällen auf Biogasanlagen, setzt die Behörde mit Blick auf den Gewässerschutz auf eine eigene Verordnung.

Das UBA hat darüber hinaus bekannt gegeben, dass die Belastung des Grundwassers mit Pflanzenschutzmitteln und deren relevanten Abbauprodukten rückläufig ist. Das habe eine Datenauswertung von über 14.000 Messstellen für den Zeitraum 2013 bis 2016 ergeben. Der Rückgang liege vor allem daran, dass bestimmte Wirkstoffe nicht mehr zugelassen seien. Die Belastung mit noch zugelassenen Stoffen sei dagegen gleichbleibend hoch. 

Der Bundesrat hat die Bundesregierung aufgefordert, den Einsatz von Glyphosat in Privatgärten und öffentlichen Einrichtungen, wie etwa Kitas und Parkanlagen, umgehend zu verbieten. Dem UBA zufolge hat die Zahl der Grundwasseruntersuchungen auf Glyphosat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommenGlyphosat liegt laut UBA auf Rang 20 der in Deutschland am häufigsten gefundenen Pflanzenschutzmittel im Grundwasser. .

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ihrerseits vor einer zunehmenden Belastung des Grundwassers durch Arzneimittelrückstände gewarnt. Die Situation werde sich mit steigendem Arzneimittelkonsum verschärfen, erklärte die OECD und verwies auf ihren Bericht „Pharmaceutical Residues in Freshwater“, der Ende September 2019 erscheint. 

Von Bedeutung ist auch das Verhalten der Verbraucher. Eine Kampagne in NRW setzt beim Problembewusstsein der Bevölkerung an. 

Bundesweit kommen verstärkt zusätzliche Renigungsstufen auf Kläranlagen zum Einsatz. So erhält die Kläranlage Tübingen eine Ozonungsanlage, die Spurenstoffe aus dem Abwasser herausfiltert.

Zahlreiche Forschungsprojekte befassen sich aktuell mit Spurenstoffen. Eine Studie der RWTH Aachen mit Beteiligung des Oekotoxzentrums in Dübendorf zeigt, dass gelöste Hormone zurück in die Wassersäule gelangen können, wenn Flusssedimente aufgewirbelt werden.

Mit der Entfernung von Mikroplastik aus dem Abwasserstrom beschäftigen sich aktuell der Abwasserverband Braunschweig und die zur Veolia-Gruppe gehörende Stadtentwässerung Braunschweig. Der Verband und das Unternehmen beteiligen sich an dem Forschungsprojekt REPLAWA zur Verringerung des Eintrags von Plastik in Gewässer.

Das baden-würtembergische Umweltministerium hat sich Ende August 2019 zur großflächigen Belastung des Bodens und des Grundwassers in Mittelbaden durch poly- und perfluorierte Chemikalien (PFC) geäußert. Nach Ansicht des Ministeriums ist die Verunreinigung nicht nur in qualitativer, sondern auch in quantitativer Hinsicht ein Problem. Eine großflächige Sanierung der belasteten landwirtschaftlichen Fläche von derzeit 877 Hektar sei mit verhältnismäßigen Mitteln nicht möglich. 

Der Wasserversorger vor Ort sieht unterdessen seine Befürchtungen bestätigt: Das betroffene Grundwasservolumen entspreche in etwa der Größe des Ammersees in Bayern. Das TZW habe auf Basis des Grundwassermodells des Landes Baden-Württemberg ausgerechnet, dass in den betroffenen Gebieten bereits mindestens 130 Millionen Kubikmeter Wasser PFC-haltig sind.

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Chiemsee, Starnberger See, Ammersee und Altmühlsee mit Mikroplastik belastet  − vor