Ein Viertel der Tierarten im Süßwasser ist laut IUCN-Studie vom Aussterben bedroht

Ursachen sind auch Lebensraumverlust und Querverbauung von Fließgewässern

Insgesamt 24 Prozent der Süßwasserfische, Libellen, Krebse und Garnelen sind akut vom Aussterben bedroht. Das hat die bisher größte weltweite Bewertung von Süßwassertieren für die Rote Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) ergeben, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde. Wanderfische wie die Störe haben diese Verluste bereits vor Jahrzehnten erlitten. Seitdem habe sich an der Bewirtschaftung der Gewässer zum Schutz der Artenvielfalt kaum etwas verbessert, betont Jörn Geßner, Mitautor der Studie vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB).

Binnengewässer wie Seen, Flüsse, Teiche, Bäche und Moore beherbergen zehn Prozent aller bekannten Tierarten auf der Erde. Die Studie unter Leitung der IUCN zeigt, dass mindestens 4.294 der 23.496 Süßwasserarten akut vom Aussterben bedroht sind. Am stärksten bedroht sind demnach die Zehnfußkrebse, 30 Prozent der untersuchten Arten sind akut gefährdet. Bei den Süßwasserfischen sind es 26 Prozent, bei den Libellen 16 Prozent.

Die Studie zeigt auch, dass Kriterien wie die Wasserverfügbarkeit oder die Nährstoffbelastung keine verlässlichen Vorhersagen über den Gefährdungsgrad aquatischer Lebewesen zulassen. Gebiete mit hohem Wasserstress oder mit hoher Eutrophierung weisen keinen höheren Anteil gefährdeter Arten auf als Gebiete mit geringerem Wasserstress und weniger Eutrophierung. Das deute darauf hin, dass neben diesen beiden Faktoren noch andere Ursachen für den Biodiversitätsverlust eine Rolle spielen. Das hätten auch andere Studien bereits gezeigt. Zu den weiteren Ursachen werden vor vor allem der Verlust von Lebensräumen, die Einschleppung invasiver, gebietsfremder Arten und die Querverbauung von Fließgewässern durch Wasserkraftanlagen genannt.

Störe als Wanderfische dienen als Schirmarten

Wanderfische wie der Stör sind den Angaben zufolge bereits seit Jahrzehnten weltweit stark bedroht. In Deutschland lebten bis ins 19. Jahrhundert noch sechs Störarten, zwei davon in den Zuflüssen von Nord- und Ostsee. Seit 40 Jahren gelten sie als ausgestorben. Der Verlust von Lebensräumen und Laichgebieten sowie der Querverbau von Gewässern haben zu diesem Rückgang geführt.

Als größter heimischer Süßwasserfisch ist der Stör in Deutschland eine Schirmart, die eine Vielzahl von Lebensräumen nutzt und hohe Ansprüche an das Management der Gewässer stellt. Die zur Wiederansiedlung notwendigen Gewässerschutzmaßnahmen würden auch anderen Süßwasserarten zugute kommen und deren Lebensbedingungen verbessern.

„Die aktuell beschriebene Krise der Süßwasserfauna wirft ein düsteres Licht auf den Umgang des Menschen mit den natürlichen Ressourcen. Das Ergebnis ist nicht überraschend. Ohne ein Umdenken in der Bewirtschaftung der Süßwasserressourcen und ohne einen wirksamen, prioritären Natur- und Artenschutz wird sich der hier beschriebene Trend weiter verstärken und die Artenvielfalt rapide abnehmen“, sagt Geßner, der am IGB das Projekt zur Wiederansiedlung der Störe in Deutschland koordiniert und an zahlreichen internationalen Wiederansiedlungsprojekten für Störe beteiligt ist. Aus seiner Sicht kann der Artenschutz nur mit einem wirksamen Schutz der Lebensräume langfristig erfolgreich sein.

- Anzeige -

Themen des Artikels
Kategorie des Artikels
- Anzeige -