Eine Methode für das Gewässermonitoring, die kleine Wasserorganismen als Bioindikatoren nutzt, hat ein internationales Forschungsteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena vorgestellt. Winzige Muschelkrebse, sogenannte Ostrakoden, seien geeignete Bioindikatoren für die aktuelle Wasserqualität, teilte die Universität Mitte März mit. Zugleich könnten die Krebse als Archiv des vorindustriellen Gewässerzustands herangezogen werden und damit Auskunft über den ursprünglichen Zustand des Gewässers geben.
Das Ziel der EU, bis zum Jahr 2030 sämtliche Gewässer in den EU-Staaten in ihren natürlichen Zustand zurückzuführen, setzt voraus, dass man den natürlichen Zustand erst einmal kennt, erklärte Peter Frenzel von der Universität Jena. „Und darüber hinaus bedarf es Methoden, die verlässlich über die Wasserqualität Auskunft geben“, so der Forscher vom Institut für Geowissenschaften weiter. Während für letzteres bereits verschiedene biologische und chemische Methoden etabliert seien, sei die Rekonstruktion des vorindustriellen, natürlichen Zustands eines Gewässers schwierig.
Das Team von Peter Frenzel arbeitet an dieser Fragestellung und stellt nun in einer aktuellen Publikation eine Übersicht von Methoden vor, mit der sich den Angaben zufolge gleich beide Fragestellungen beantworten lassen. Wie die Forschenden im Fachmagazin „Earth-Science Reviews“ schreiben, sind winzige Muschelkrebse, sogenannte Ostrakoden, geeignete Bioindikatoren für die aktuelle Wasserqualität und können zugleich als Archiv des vorindustriellen Gewässerzustands herangezogen werden und damit Auskunft über den ursprünglichen Zustand des Gewässers geben.
Ostrakoden reagieren empfindlich auf Umweltveränderungen
„Ostrakoden reagieren empfindlich auf Umweltveränderungen wie Salzgehalt, Temperatur und Schadstoffbelastung. Das macht sie für das Monitoring von Seen und Flüssen sehr geeignet“, sagte Olga Schmitz, die Erstautorin der jetzt vorgestellten Studie. Anhand ihrer Artenvielfalt und Häufigkeit ließen sich nicht nur aktuelle und vergangene Umweltbedingungen zu rekonstruieren, sondern sogar zukünftige Veränderungen prognostizieren. Dies könne insbesondere für die Landwirtschaft und das Wassermanagement mit Blick auf den Klimawandel von Bedeutung sein.
Vorkommen in nahezu allen Gewässern
Die nur bis zu einem Millimeter kleinen Muschelkrebse kommen den Angaben zufolge in nahezu allen Gewässern vor: in Seen, Flüssen, Lagunen, auch im Grundwasser und in heißen Quellen. Rund 15.000 heute lebende Arten seien bekannt, etwa 20.000 fossile Vertreter beschrieben. Die mikroskopisch kleinen Krebstiere sind von Kalkschalen umschlossen, die auch nach ihrem Tod lange in Schlamm und Sand des Gewässergrundes erhalten bleiben. Diese könnten den Forschenden bei ihren Umweltanalysen und als Fossilien für die Rekonstruktion von Milieu- und Klimabedingungen dienen.
Ostrakoden gezielt für die Renaturierung von Gewässern nutzen
Das Jenaer Team hat den Angaben zufolge auch selbst bereits unterschiedlichste Gewässer beprobt und die Ostrakodenpopulationen untersucht, vom Großen Stechlinsee in Brandenburg bis zu küstennahen Gewässern in Südafrika. In Kooperation mit Forschenden der Universität Hongkong entwickeln sie nach eigenen Angaben den Einsatz Künstlicher Intelligenz, um die Muschelkrebse in den Proben unter dem Mikroskop identifizieren, zählen und ausmessen zu können. „Für unsere Analysen brauchen wir lediglich einen Kubikzentimeter Sediment, um Rückschlüsse auf anthropogene Einflüsse oder vergangene hydrologische Veränderungen zu ziehen, was diese Arbeitsweise besonders kostengünstig macht“, so Schmitz. Die nun veröffentlichte Übersichtsarbeit, so die Hoffnung der Forschenden, könnte maßgeblich dazu beitragen, die Ostrakoden künftig gezielt für das Umweltmanagement und die Renaturierung von Gewässern in Deutschland und darüber hinaus zu nutzen.
Die Publikation „Ostracoda (Crustacea) as indicators of anthropogenic impacts“ finden Sie hier: https://link.euwid.de/ty8u6




